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Poor Things
2023
Genres Abenteuer | Comedy | Drama | Sci-Fi
Regie Giorgos Lanthimos
Cast Emma Stone, Mark Ruffalo, Willem Dafoe, Ramy Youssef, Kathryn Hunter, Hanna Schygulla
Inhalt Das Mädchen Bella (Stone) gilt als Tochter des entstellten Experimentalchirurgen Baxter (Dafoe) aber in Wahrheit ist sie seine reanimierte Kreation aus einem furchtbaren Vorfall an einer Londoner Brücke. Als die Ungelenke/Kindhafte den Lebemann Wedderburn (Ruffalo) kennen lernt, entflieht sie dem "Elternhaus" um mit ihm auf Reisen zu gehen. Allerdings folgen üble Entwicklungen, und Bella, die die Reise als Jungfrau begann, landet in einem Bordell in Paris, unter der weisen wenn auch etwas ungewöhnlichen Herrschaft der dortigen Madame (Hunter). Von letzterer dazu animiert, setzt Bella sich als Ziel, die teils ekelige Welt der Männer zu verstehen...
 UK
 141 min.
Hafen-Bewertung für diesen Film:
basierend auf 2 Stimme(n)
  • 2 Bewertung(en) - 3 im Durchschnitt
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3 / 5
Deine Wertung:

#1
Nach dem noch einigermaßen in einem Rahmen glaubhaften wenn auch extremen Verhaltens bleibenden früheren Film des Regisseurs mit Ms. Stone - wo es um den Favourite der alt-ehrwürdigen Queen Anne von England ging - kommt nun diese wilde provokative Tour de Farce, eine frech-feministische Frankensteiniade in einem alternativen viktorianischen England, ausbrechend ins restliche Europa & sogar Ägypten.

Das "Monster" hier ist allerdings eine anfangs sehr kindliche & tolpatschige junge Frau, deren Körper der groteske Dr. Baxter nach dem nassen Suizid einer verzweifelten Gattin - die zufällig, lernen wir später, Victoria hieß! - aus unbekannter Ehe rettet, indem er diesem ein anderes Hirn implantiert, und mit entspr. Shelley'schen Mitteln reinkarniert.

Stone spielt diese große schlanke 'erwachsene Pippi Langstrumpf' ohne Hemmungen, naiv & immer sehr direkt, immens neugierig - überhaupt sehr gierig nach allem was die bunte* Welt so zu bieten hat! Diese alles bis zur letzten Konsequenz ausprobierende Person spielt Stone sehr mutig & modern (u.a. im Sinne von soft-porniger Moderne im Lichtspiel-Mainstream unserer Zeit), und setzt einen Meilenstein in ihrer eigenen bewundernswerten Karriere & macht sich damit m.E. zu einer Legende der filmischen Gegenwart. Schock Liebe 

Ich hab erst durch diesen Film verstanden, warum sich einige demonstrierende Frauen in der #MeToo-Phase vor einigen Jahren auch als "slut" gerierten, und stolz auf diese emanzipative Wende schienen. Gerade die Verbindung dieser beiden Linien in genau dieser Bewegung verwirrten mich immer wieder.

Aber hier wird m.E. in erstaunlich märchenhaftem Dreß gezeigt, wie diese befreiende Reaktion des "ich bin weiblich und ich darf auch alles, lasse mich aber nicht schlecht behandeln" philosophisch zustande kommt. Gebannt Und die patriarchal-unterdrückenden Momente sind natürlich auch vertreten, v.a. im letzten Filmviertel mit seiner erstaunlichen Wende nach der reaktionären Behauptung "der Körper bestimmt die Identität", was gerade diese ganze Story bis dahin ja widerlegte.

Sehr gut gefallen hat mir die weise Bordell-Chefin, mit ihren eigenen teils irren Vorlieben, die aber der Heldin, Bella, verrät wie die Frauen auf Dauer das Steuer übernehmen können. Wobei dann allerdings das Ende m.E. ein wenig zu sehr wieder in den alten Rahmen zurück fällt, evtl. fallen muss, denn es ist immerhin eine Epoche wo weltweit die urbane weibliche Emanzipation gerade erst beginnt.

Wunderbar war das etwas längere Cameo der größten Kinolegende hier (neben Dafoe, natürlich): Hanna Schygulla. Cool sie als eine gelassene philosophisch-potente britische Lady zu erleben! Sonne

Und Hr. Ruffalo hatte hier gewiss eine seiner anstrengendsten Rollen zu meistern - der amoralische Schwindler mit gelegentlichem Herz & Charme! Well done, o ehemals grüner Hüne! Zahnlos

Trotzdem schafft es Stone fast alle Anderen an die flimmernde Wand zu spielen - insbesonders ihr jungfräulicher 1. Tanz, der sie hin zur Quelle der Musik hin reißt, war eine Wonne! Well done, Emma! (Alice Schwarzer kichert leise ins Kissen...)

Fazit: Volle Punkte für den Mut so einen hektischen, turbulenten & v.a. kinoliebhaberischen Film zu schaffen, mit einem Punkt Abzug für die m.E. unnötigen Andienungen an übertriebenen Wokeism (v.a. die durchaus liebenswerte lesbische Liebesszene inkl. implizitiertem Engelsgesang Engel)... Wertung 4 von 5

P.S.*: Die schrägen, bunten Kulissen sind grandios! Sie sind so ungewöhnlich/komplex, und so perfekt realisiert, dass man sich beim vorbeiziehenden Reigen der Himmels-Sets fragt, ob das echt sein kann, oder doch kitschig-gewieftes CGI? Und wenn Letzteres, war dann - aaaaarrrggh!! - K.I. im Spiel?! Erschütternde Hintergedanken, auch hier!

P.P.S.: Ich überlege den Urtext, einen kurzen Roman aus den 90ern, mal zu besorgen und hinein zu lesen. Luft anhalten!
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#2
Frisch vom Filmabend möchte ich doch -- nach längerer Pause -- auch mal wieder einen Eindruck im Fernhafen teilen, auch wenn es mir leidtut, dass mein Urteil ganz anders als Deines ausfällt, Kubo! Geschmäcker, gell... Froh

Mich hat "Poor Things" offen gesagt ziemlich runtergezogen und streckenweise auch richtig angeekelt. Ich sehe schon den Punkt, dass der Film verschiedene Leseweisen zulässt, vor allem was den Arc der von Emma Stone wirklich beeindruckend gespielten Protagonistin angeht. Aber letztlich hat doch dieses kleine Zitat (das ich bei der Wikipedia entdeckt habe) sehr in mir resoniert:

"Worst of all, [the movie]'s dishonest. It purports to be a feminist document, but it defines a woman's autonomy as the ability to be exploited and not care."

Ich persönlich muss dieser Perspektive zustimmen. Ich konnte in Bella Baxters Geschichte, bzw. in ihrem emotional entkoppelten Märtyrium keinerlei Empowerment oder Selbstbestimmung entdecken (letzteres wäre das, was ich persönlich mit den freizügigeren Zweigen und dem "Slut"-Reclaiming von #metoo verbinden würde). Immerhin lernen wir früh, dass sie das Gehirn eines Babies, aufgrund der sprunghaften Entwicklung allenfalls noch einer Heranwachsenden in sich trägt, während die sexuellen Übergriffe auf ihren Körper beginnen. Das wirft für mich in Bezug auf Bellas Fähigkeit zu "informed consent" oder jeglicher Form von sexueller Agency sehr unangenehme Fragen auf... und hat mir bei den vielen Sexszenen ziemlich den Magen umgedreht. Traurig 

Man mag dem Werk zugutehalten, dass es als zynische Abrechnung mit der Infantilisierung von Frauen seitens des Patriarchats gedacht sein mag – quasi ein subversiver Genickbruck für das BSY-Trope, schnörkelig verpackt in wes-anderson-hafte und wohl zurecht oscarprämierte Sets und Kulissen. Aber das wäre für mich hier schon eine ziemlich wohlwollende Interpretation, die dem Film mehr anrechnet, als er es sich aus meiner Sicht verdient. Schade! Denn viele der Plotelemente, Nebenfiguren (Godwin) und Twists hätten es wirklich in sich gehabt, einen fantastischen Film zu erzählen...

So bleibe ich leider bei einer (nicht erschrecken!) nach unten winkenden Wertung 2 von 5...
Dieser Beitrag gefällt:    Kubrickian
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#3
(Völlig Ok! Ich denke schon dass Vieles subversiv gemeint ist, und letztendlich kommen ja fast alle Männer im Film nicht gut weg bzw. werden sogar vom "Monster" für ihre Missbräuche bestraft. Cool fand ich, dass Bella nur Dinge tut, die ihr letztendlich Spaß machen oder wo sie erstmal durch Neugier oder Mitleid zu animiert wird. Letztendlich emannzipiert sie sich zum Filmende so gut wie komplett... -- Dass das Ganze ein "challenge" an politischer Korrektheit ist, scheint mir gewollt.)

P.S. (late edit): Es wäre interessant mal Daten zu bekommen darüber wieviele Menschen, die sich nicht als weiblich identifizieren, den Film sahen bisher, prozentual gesehen ggü. der gesamten Zuschauerschaft.

P.P.S. (later edit): Ich fand dieses CityAM-Review (einer Dame) gut, insbesonders den letzten Absatz... Der Begriff Feminismus kommt darin gar nicht vor!
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[°°]
[Kube]
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